Recensie:
Erwachende
Bewußtsein


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Kapitel: Emotion, Sentimentalität en Sensitivität

Emotion, Sentimentalität und Sensitivität sagen alle drei etwas über unser Gefühl. Aber wie funktionieren sie eigentlich und welche Rolle spielen sie in unserem Gefühlsleben?
Wenn etwas geschieht gibt uns das ein bestimmtes Gefühl.
Mit unserem Denken beurteilen wir diesen Vorfall indem er mit unseren Erwartungen verglichen wird, mit dem, was wir wollen. Wenn das Gefühl das wir erfahren haben unseren Erwartungen entspricht, sind wir zufrieden und vielleicht sogar begeistert. Aber wenn das Gefühl nicht unseren Erwartungen entspricht oder total in Streit ist mit dem was wir wollen, dann sind wir enttäuscht und eventuell auch böse.
Diese Begeisterung oder dieses Erbost-sein nennen wir Emotionen. Es sind Reaktionen auf das was wir fühlen. Enttäuschung oder Zufriedenheit sind Reaktionen auf das ursprüngliche Berührt-sein. Und das Maß dieser Betroffenheit bestimmt die Ladung der Emotion und auch die Kraft, mit der wir die Emotion innendrin fühlen und nach außen bringen möchten.

Emotion stammt von dem lateinischen ex (heraus, von dort her) und movère (in Bewegung bringen, bewegen). Emotion ist kraft- volle, nach innen oder außen gerichtete Reaktion auf das was wir fühlen und ist demnach nicht das Gefühl selbst. Es lenkt uns sogar ab von dem was wir wirklich fühlen. Anstatt zu fühlen, reagieren wir auf das was wir von diesen Gefühlen halten. Emotion ist eine urteilende, demzufolge von unserem Gefühl sich abwendende Reaktion, wodurch wir das eigentliche Gefühl überschatten und zudecken.
Ein Beispiel: Ich habe um acht Uhr eine Verabredung. Auf dem Weg dorthin komme ich in einen Stau. Diese Behinderung macht mich böse. Böse auf die Regierung oder andere Instanzen, weil die Situation hier so schlecht geregelt ist.
Die Realität ist, daß wir uns in so einer Situation gehindert fühlen und dieses Gefühl wird in Bosheit umgesetzt. Diese Verärgerung ist eine Reaktion auf die Behinderung. Das Zulassen dieser Verärgerung gibt uns die Möglichkeit, uns auf etwas anderes zu richten. So können wir unserem Problem Gestalt geben, indem wir zum Beispiel andere verurteilen, diese Verurteilung verteidigen und so versuchen, über das unerwünschte Gefühl hinweg zu kommen.
Wenn wir jedoch das was wir wirklich fühlen erfahren können, dann wird unsere Reaktion ganz anders sein. Wir können dann erfahren, daß das Gefühl der Behinderung uns enttäuscht. Es enttäuscht uns, weil wir etwas anderes wollen. Das liegt nicht an anderen und wir brauchen dann auch nicht negativ gegenüber anderen zu werden. Und weil wir bei unserem Gefühl bleiben, können wir lernen, mit dem Gefühl der Enttäuschung umzugehen. Wir sind uns dann unserer Frustration bewußt, sodaß wir sie durchfühlen können. Wir können dann trotzdem anderen von unserem persönlichen Problem und der Bosheit, die wir fühlten, erzählen. Diese Bosheit hat dann keine negative oder vernichtende Kraft mehr und spielt nur noch eine Rolle, um in der Kommunikation zu verdeutlichen was wir fühlen.

Ein anderes Beispiel: Unser Partner stirbt. Wir fühlen diesen Verlust und werden böse. Böse auf Gott, auf die Ärzte oder andere Menschen, die den Sterbenden begleitet haben. Wir fühlen einen Verlust, aber wir äußern Bosheit. Bosheit ist hier die Reaktion auf den Verlust den wir nicht wollen und den wir nicht können oder den wir uns nicht trauen zu fühlen. Indem wir diese Bosheit äußern, richten wir uns auf etwas anderes und versuchen, das unerwünschte Gefühl des Verlustes nicht zu spüren. Wir wollen damit nicht konfrontiert werden.
Wenn wir fähig wären, das darunterliegende und eigentliche Gefühl des Verlustes sehr wohl zu erfahren, dann wäre unsere Reaktion milder und ruhiger. Dann fühlen wir, daß der Verlust und das schwer akzeptieren können dieses Verlustes unser wirkliches Problem ist. Wir spüren, daß es schwierig ist, denjenigen los zu lassen mit dem wir uns so verbunden fühlten und von dem wir vielleicht abhängig waren. Wir merken, wie schwer es uns fällt, das los zu lassen, was unserem Leben Sinn gab.

Wenn wir dies alles fühlen, verurteilen wir keine andere Menschen. Wir fühlen weiterhin was wir erfahren und lernen damit umzugehen. Wenn wir jetzt mit anderen über diese Gefühle von Mühsal und Bosheit reden, sind diese nicht mehr negativ geladen. Das Besprechen gehört zu dem sinnvollen Verarbeiten von dem was in uns geschieht und erfahren wird.
Durch starke Emotionen werden wir so bestimmt, daß kein Raum mehr da ist um zu fühlen was uns ursprünglich berührt hat. Wir gehen dann ganz im Reagieren auf. In etwas aufgehen ist gegensätzlich zu offen und zugänglich sein. Um Emotionen zu ergründen ist die Offenheit des Fühlens jedoch unentbehrlich.
Eine andere Reaktion auf das Fühlen ist Sentimentalität.
Sentiment stammt vom lateinischen sentire (wahrnehmen, bemerken). Sentimental bedeutet, daß wir uns ganz durch bestimmte Empfindungen oder Wahrnehmungen mitnehmen lassen.
Wenn wir als Reaktion auf das was wir fühlen zum Beispiel traurig oder enttäuscht sind, können wir uns dadurch total beeinflussen lassen. Wir schlüpfen dann sozusagen ganz in dieses Gefühl und hegen es, wie sonderbar dies auch klingt.
Eigentlich bekommen wir dadurch Mitleid mit uns selbst. Daraufhin lassen wir uns durch dieses Selbstmitleid stets mehr zu dessen Opfer werden.
Ausgehend vom gleichen Beispiel wie bei der Emotion, werden wir uns nun durch die Tragik des Verlustes mitnehmen lassen. Wir fühlen dann nicht den tatsächlichen Verlust, sondern lassen uns durch die Reaktion auf das Gefühl des Verloren-seins dominieren. Wir lassen uns durch den Schmerz und das Mühsal völlig einschließen und wir sind das Opfer von dem was wir eigentlich fühlten. Wir "hegen" uns in diesem Gefühlswert, abgeschlossen von der für uns "bedrohlichen" Realität dieses Moments. Unsere Erfahrungswelt wird durch den Schleier dieses "Mitgenommen-werdens" gefärbt. Wir schließen auf diese Weise uns selbst in einen Gefühlswert ein, wie in einen Kokon.
Dies erklärt auch, warum jemand mit Selbstmitleid bestätigt sieht, daß er allem zum Opfer fällt. Nichts kann ihm wirklich helfen und alles ist meistens negativ oder hoffnungslos. Sein selbst geschaffener Kokon färbt dann die Tatsachen und bietet keine Offenheit für Veränderung oder Hilfe.
Wenn jemand durch etwas Entwaffnendes berührt ist und sich durch diesen Gefühlswert mitnehmen läßt, sieht alles viel schöner und lieblicher aus. Wenn jemand nostalgisch ist und sich durch das Heimwehgefühl mitnehmen läßt, schaut er durch eine gefärbte Brille auf die Situation in der er sich jetzt befindet. Und so ist es auch, wenn wir uns durch den Gefühlswert des Selbstmitleids bestimmen lassen.
Das völlig umhüllt sein durch einen Gefühlswert unterbricht die Verbindung mit der Realität. Weil unser wirkliches Fühlen durch Sentimentalität überwältigt ist, fehlt es uns an Kraft und Energie. So wird die Lebenskraft untergraben und kommen wir in einen Teufelskreis. Dies kann zu Depressivität führen.

Sentimentalität ist demzufolge in Wirklichkeit eine passive, nach innen oder außen gerichtete Reaktion in der wir schwelgen, wobei unser wirkliches Gefühl überschattet wird.
Warum ist es so schwierig zu fühlen und bei diesem Gefühl zu bleiben? Sowohl bei angenehmen als auch bei unangenehmen Gefühlen erfahren wir diese Schwierigkeit. Indem wir auf das was wir fühlen, mit Emotion oder Sentimentalität reagieren, entfernen wir uns von unserem eigentlichen Gefühl. Wir schieben so unser ursprüngliches Berührt-sein zur Seite indem wir es beherrschen (Emotion) oder uns dadurch beherrschen lassen (Sentimentalität). Um fühlen zu können braucht man Offenheit und Berührbarkeit. Dabei spielt Beherrschung keine einzige Rolle, sondern es geht um Kontakt, um Berührung und das Erleben davon. Beim Fühlen geht es um die Erlebnistiefe der Berührung und diese Tiefe wird bestimmt durch unsere Offenheit.
Empfindsamkeit bis in alle Nuancen ist Sensitivität.
Sensitivität kommt vom lateinischen Sensitivus: in bezug auf das Gefühl, empfindsam. Es bedeutet offen sein, berührbar und verletzbar sein. Verletzbar in der Bedeutung von empfindsam, unverhärtet, unbefangen und doch aufmerksam sein.
Sensitivität gibt an, daß die Offenheit nicht verloren geht, wenn etwas geschieht das uns nicht gefällt oder womit wir nicht vertraut sind. Es hat damit zu tun, daß wir bei dem bleiben was wir fühlen, ohne Ablenkung mittels Reaktionen so wie Emotionen oder Sentimentalität.
Zurückkommend auf das schon eher genannte Beispiel, bedeutet sensitives Umgehen mit dem Sterben unseres Partners, daß wir offen sind, um gerade den Schmerz und unser ganzes Problem der Abhängigkeit und entstandenen Leere zu fühlen. Wir beschäftigen uns dann damit, sodaß wir uns selbst besser kennen lernen und an unserem Wachstum arbeiten können. Der Verlust, wie schmerzlich er auch ist, ist ein Teil unseres Erlebens, ein Teil unseres Daseins und zeigt die Tiefe unserer Erfahrungswelt. Dieses Fühlen kann unbegrenzte Tiefe und auch Schmerz anzeigen. Indem wir verletzbar bleiben lassen wir dies alles zu und lernen wir die Lebendigkeit unseres Fühlens in allen seinen Nuancen kennen.
Wir bleiben dann mit dem was wir fühlen in Kontakt und gehen eine gleichwertige Beziehung damit ein. Eine gleichwertige Beziehung von demjenigen, der erfährt, mit demjenigen was erfahren wird. Eine gleichwertige Beziehung, in welcher weder der Wille ein bestimmtes Gefühl dominiert (Emotion), noch ein bestimmter Gefühlswert uns dominiert (Sentimentalität).
Nur in Gleichwertigkeit können beide bestehen, blühen und erkannt sein, so daß wir das, was wir fühlen ganz erfahren, kennen lernen, verarbeiten und los lassen können.
In der Sensitivität hinterlassen Gefühle keine belastende Spuren und wir schließen keinen Teil unserer Wahrnehmung ab. Wir leben im Tiefgang und in der Fragilität unseres Menschseins, in der lebenden Kraft der Realität.

Gefühlserlebnisse im Hatha-Yoga

Im Hatha-Yoga haben diese Formen des Gefühlslebens auch Einfluß auf das Erleben von und das Umgehen mit der Ausübung.
Emotionen äußern sich während des Übens in deutlichen Expressionen zum Beispiel des Gesichts oder dem impulsiven und abrupten Bewegen des Körpers. Das kommt durch das Fühlen deutlicher Empfindungen, durch Spannung, Mühe oder Unruhe.
Emotion ist auch in der Reaktion zu sehen: "Dies gefällt mir sehr wohl oder nicht", was meistens zu tun hat mit: "Ich kann es oder ich kann es nicht".
Die Emotion bestimmt auch den Einsatz der Ausübung. Das kann von äußerst fanatischem Verhalten (Leistung) bis zu großer Unberührtheit und Gleichgültigkeit (in Schlaf fallen,nicht gut zuhören) wechseln.
Das emotionelle Umgehen mit der Hatha-Yoga-Ausübung resultiert in ein bestimmtes Maß an Unvorsichtigkeit und einem nicht nuancierten Verhalten. Wenn man emotionell reagiert, werden die eigenen Grenzen nicht wahrgenommen und erst recht nicht respektiert. Unsere Reaktion dominiert das was erfahren wird.
Sentimentalität ist auch erkennbar im Hatha-Yoga. Wenn wir in der angenehmen Entspannung schwelgen, wird das Erleben passiv und schläfrig.
Finden wir die ganze Ausübung schwierig, dann ist alles was wir tun schwer. Haben wir das Gefühl, mit etwas Erhabenem und Besonderem beschäftigt zu sein, dann wird das Erleben durch diesen Schleier gefärbt und interpretiert. In Sentimentalität dominiert unsere Interpretation das was erfahren wird.
Wenn wir im Hatha-Yoga sensitiv sind und fühlend und berührbar bleiben in dem was wir erfahren, dann gibt es kein impulsives Verhalten als Folge von Emotionen oder des verdichtenden Nebels der Sentimentalität.
Wir stehen in einer gleichwertigen Beziehung mit dem was wir erfahren und sind völlig im Jetzt.

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